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Manchmal ist Streichen mutiger als Weiterbauen

· 5 min Lesezeit

Ein Produkt killen, das im App Store auf Platz 1 stand und einen Disney-Deal hatte – das klingt nach einem Fehler. OpenAI hat genau das mit Sora gemacht. Und ich halte das für eine der konsequentesten Entscheidungen, die ein Tech-Unternehmen dieser Größe treffen kann.

Sora war technisch beeindruckend. Videogenerierung auf einem Niveau, das die Branche aufhorchen ließ. Trotzdem wurde es eingestampft. Der Grund: Die Rechenkapazität wird jetzt für "Spud" gebraucht – das nächste große Modell, das laut Sam Altman in wenigen Wochen kommen soll und "die Wirtschaft wirklich beschleunigen" kann. Intern nannten Mitarbeiter Sora einen "drag on resources". Das ist kein Versagen. Das ist Priorisierung.

#Fokus ist keine Selbstverständlichkeit

Applications-CEO Fidji Simo hatte Wochen zuvor intern kommuniziert: keine "Side Quests" mehr. Sora war genau das – ein beeindruckender Nebenpfad, aber kein strategischer Kern.

OpenAI kämpft gerade frontal gegen Anthropic um Enterprise-Kunden. Das ist kein Markt, in dem du dir Ablenkungen leisten kannst. Wer dort gewinnen will, braucht Fokus auf das, was Enterprise wirklich braucht: leistungsstarke Modelle, verlässliche APIs, klare Roadmaps.

Videogenerierung passt da gerade nicht rein. Nicht weil sie wertlos ist, sondern weil sie die falsche Baustelle zur falschen Zeit ist.

#Das Sora-Paradox

Hier liegt die eigentliche Spannung: Sora hat funktioniert. Es gab Nutzer, einen App-Store-Hit, einen milliardenschweren Partner. Das macht die Entscheidung nicht leichter – sie macht sie mutiger.

Es ist einfach, ein Produkt zu killen, das floppt. Dann räumst du auf, was ohnehin nicht läuft. Schwieriger ist es, etwas zu beenden, das Traktion hat, aber in die falsche Richtung zieht.

Der Disney-Deal über eine Milliarde Dollar liegt jetzt auf Eis. Das ist schmerzhaft. Aber offenbar war der Schmerz kleiner als die Opportunitätskosten, Compute-Ressourcen weiter in Sora zu stecken, während Spud wartet.

#Was ich bei Projekten immer wieder sehe

Ich arbeite viel mit kleineren Teams und Gründern. Und das Muster ist überall dasselbe: Features werden gebaut, weil sie cool sind. Nicht weil sie das Kernproblem lösen.

Ein Onlineshop baut ein ausgefeiltes Empfehlungssystem, bevor der Checkout funktioniert. Eine SaaS-App bekommt ein Dashboard mit zehn Widgets, bevor der Kern-Use-Case sitzt. Ein Freelancer baut eine aufwendige Portfolio-Sektion für eine Dienstleistung, die er gar nicht mehr anbieten will.

Das ist menschlich. Neue Features fühlen sich nach Fortschritt an. Aber Fortschritt in die falsche Richtung ist kein Fortschritt.

#Das Gegenargument – und warum es nicht zieht

Man könnte sagen: OpenAI gibt damit einen Markt auf. Videogenerierung ist ein Wachstumsfeld. Runway, Kling, Pika – die Konkurrenz schläft nicht.

Das stimmt. Aber Sora-Chef Bill Peebles hat selbst kommuniziert, wohin die Reise geht: "World Simulation" für Robotik. Das Team wechselt nicht in den Ruhestand, es wechselt den Kontext. Und der ist strategisch deutlich interessanter als Consumer-Video.

Außerdem: Märkte aufgeben bedeutet nicht, sie für immer zu verlieren. OpenAI kann zurückkommen, wenn Spud läuft und die Ressourcen wieder anders verteilt werden können. Wer versucht, überall gleichzeitig zu gewinnen, gewinnt oft nirgendwo.

#Was du konkret mitnehmen kannst

Drei Fragen, die ich mir bei jedem Projekt stelle – und die du dir auch stellen solltest:

Löst dieses Feature das Kernproblem? Nicht: Ist es cool? Nicht: Könnte jemand es brauchen? Sondern: Hilft es dem Nutzer beim eigentlichen Job?

Was kostet es wirklich? Nicht nur in Geld. In Aufmerksamkeit, in Wartungsaufwand, in Komplexität. Sora hat Compute gefressen, der woanders gebraucht wird. Was frisst dein Feature?

Zieht es in die richtige Richtung? Ein funktionierendes Produkt kann trotzdem die falsche Richtung einschlagen. Traktion ist kein Beweis für Relevanz.

Streichen fühlt sich wie Scheitern an. Meistens ist es das Gegenteil. Es bedeutet, dass du weißt, was du willst – und bereit bist, dafür auf etwas zu verzichten, das funktioniert.

Das ist nicht Aufgeben. Das ist Klarheit.

Ausgelöst durch: OpenAI's Sora gets the axe

Cheers,
Rafael

Du hast ein Projekt im Kopf? Ich höre zu, denke mit und liefere.

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